Von Sebastian Schulz

Prof. Dr. Jörn Leonhard Bild: Sebastian Schulz).

Professor Dr. Jörn Leonhard hat sich einen Namen gemacht. Als Professor für westeuropäische Geschichte an der Universität Freiburg und als Mitglied diverser Vereinigungen – u.a der Royal Historical Society in London oder seit 2015 in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften – gelingt ihm eine extrem detaillierte Einsicht in die Geschehnisse der neueren und neuesten Geschichte. Mit seinem neuesten literarischen Werk „Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923“ knackt der Historiker die Eintausendfünfhundert-Seiten-Marke. Sein begleitender Vortrag in der Elberfelder Citykirche Ende Juni zeigte, warum dies seine Gründe hat.

Jede Frage an diesem Abend bekommt eine Antwort, die an für sich bereits eine Vorlesung füllen könnte. Innerhalb von zwei Stunden schafft es Dr. Jörn Leonhard, einen detaillierten Abriss der historischen Entwicklungen mit und nach dem Ende des industriellen Tötens im ersten Weltkrieg zu vermitteln. Eine Zeit, in der das Prinzip Demokratie oft in Kontrast zu dem Staatsmodel Nationalstaat stand, „der Weg vom Krieg in den Frieden eine Schwelle des 20. Jahrhunderts machte“ und eine „neue Landkarte der Nationen“ hervorbrachte, wie Prof. Leonhard beschreibt. Aus den zeitnahen Beobachtungen von Einzelpersonen erschloss der Historiker mehrere so genannte „Vignetten“, die prägnant für die Umwälzungen in der Endphase und im Anschluss des Krieges stehen.

Eisenbahnen: als infrastrukturelle Lebensadern zunächst als Aufmarschmöglichkeit und Versorgungslinie im Krieg, werden sie zu prägnanten Transportmitteln für die Diplomaten Europas und der Welt. Sie sind Mittel für Umbrüche, Inszenierungen und wirtschaftlichen Erfolg.

Begegnungen: Das belgische Spa, das ursprünglich der Sitz der deutschen obersten Heeresleitung war, wird 1920 zum ersten diplomatischen Verhandlungsort zwischen den siegreichen Alliierten und den Vertretern der noch jungen deutschen Republik.

Rückkehr: Soldaten kehren nicht nur in ihre europäischen Heimatorte zurück. Denn neben Amerikanern auf der Seiten der Alliierten kämpften und starben auch Soldaten aus den diversen Kolonien der europäischen Großmächte. Die Welt war vor dem Hintergrund ihrer Teilnahme an dem bis dahin größten Krieg der Menschheitsgeschichte eine andere geworden; und das beschränkte sich nicht nur auf die soldatische Sicht auf die zeitnahen Ereignisse bei ihrer Rückkehr von der Front.

Professor Leonhard kam unter anderem auf Franz Kafka zu sprechen, der als Prager Einwohner deutscher Sprache miterlebt, wie ein Teil des ehemaligen Habsburgerreiches in der Tschechoslowakei aufging; ein Verweis auf neue Grenzen und Nationen. Diese Bezugnahme auf konkrete Personen begründet Dr. Leonhard damit, dass „diese Phase von 1918 bis 1923 voller ganz konkreter Geschichten ist und in diesen Geschichten auch immer Geschichte drin steckt“.

V.l.: PD Dr. Arne Karsten (Bergische Universität) und Prof. Dr. Jörn Leonhard im Gespräch (Bild: Sebastian Schulz).

Die Aktualität der historischen Phase zwischen 1918 und 1923 ist nicht nur wegen des diesjährigen Jubiläums der Vertragsunterzeichnungen von Versailles begründet. Denn mit dem Versailler Friedensabkommen schufen vor allem die Siegermächte territoriale Bedingungen, die in Verbindung stehen zu Konflikten und Kriegen, die heute im Nahen Osten und teilweise in Osteuropa anzutreffen sind. Im Gespräch mit dem Wuppertaler Privatdozenten Dr. Arne Karsten der Bergischen Universität hob Dr. Leonhard die erstmalig in dieser Menge auftretende massenmediale Berichterstattung und den Umgang mit oft erzwungener Migration hervor. Nie zu vor war bei einer Friedensverhandlung eine derartige Präsenz von privaten und militärischen Pressevertretern anwesend. Nie zu vor hatte Europa eine derartige Fluchtbewegung erlebt, welche zwischen 1918 und 1920 auf bis zu zwölf Millionen Menschen anwuchs.

Eine Frage blieb an diesem Abend jedoch strittig. Die eine Frage, die in eine Grauzone der historischen Bewertung fallen muss. Hätte der Versailler Friedensvertrag anders geschweige denn besser formuliert und umgesetzt werden können? Denn auch Dr. Leonhard konnte durch die Recherchen in diversen Telegrammen und Niederschriften aus dem zeitlichen Umfeld der Verhandlungen heraus lesen, dass dieser Frieden von mancher (außerdeutschen) Seite auch als „Keim zur nächsten Katastrophe“ gesehen wurde. Dabei gab er zu bedenken, welche Personen sich ein solches Urteil anmaßten. Es waren nämlich nicht Historiker oder Juristen aus heutiger Zeit, die mit dem heutigen Wissen das Endergebnis der Verhandlungen in Versailles beurteilten. Vielmehr handelte es sich um Staatsmänner, die später mit verantwortlich für den Aufbau des Völkerbundes und sogar der UNO waren.

Die Veranstaltung mit Prof. Dr. Jörn Leonhard wurde durch die Kooperation des katholischen Bildungswerkes Wuppertal Solingen Remscheid, der Begegnungsstätte Alte Synagoge, der Bergischen Universität Wuppertal, der Citykirche Elberfeld und durch die großzügige Unterstützung von Dr. Jörg Mittelsten Scheid ermöglicht.


Radiobeitrag von Radio „Kilowatt“ zum Thema „Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923“ von Prof. Dr. Jörn Leonhard. (Autor: Bernd Hamer).