LEKTÜRESPUREN: »Das bessere Leben« von Ulrich Peltzer«, »Hochdeutschland« von Alexander Schimmelbusch und »Der Wal und der Ende der Welt« von John Ironmonger

Von Katja Schettler

Das Eis der Polarregionen schmilzt und lässt den Meeresspiegel ansteigen: im Zeitraum von 1993 bis 2011 im weltweiten Durchschnitt jährlich um mehr als drei Millimeter. Für Laien hört sich das wenig an. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn »mehr als drei Millimeter« ist etwa doppelt so schnell wie der Anstieg im 20. Jahrhundert. Die Folgen sind verheerend; Flutkatastrophen nehmen zu. Nicht nur fern von uns – zum Beispiel auf den Inseln der Tropen –, sondern auch in Europa, an deutschen Küsten: Auf der Insel Sylt muss jedes Jahr frischer Sand angebaggert werden, weil die Fluten die Insel abtragen. Klimaforscher sehen die Ursache hierfür in der globalen Erderwärmung – und diese sei größtenteils menschengemacht.

 

Der Klimawandel ist real und steht in Verbindung mit der Art und Weise, wie wir leben, wie wir wirtschaften. Unsere westliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beruht auf Privateigentum, auf Produktion und Konsum, die über den Markt gesteuert werden. Wohlstand durch Wirtschaftswachstum ist der Leitsatz der reichen Industrienationen und auch der sogenannten Schwellenländer. Menschen, die Wege suchen, die globale Erderwärmung zu stoppen, gehen in der Regel von einem anderen Wohlstandsbegriff aus und stellen unsere am Konsum ausgerichtete Lebensweise in Frage. Geht Wohlstand ohne Wachstum? Was macht ein gutes, was macht ein »besseres Leben« aus?

V.l.: Maresa Lühle, Konstantin Rickert (Bild: Olaf Schettler)

»Ich bin noch nicht am Ende«

»Das bessere Leben« – diesen Titel gibt Ulrich Peltzer seinem Roman, der 2015 im S.Fischer Verlag erschienen ist. Peltzer lässt seinen Roman in der internationalen Finanzwelt spielen. Stilistisch steht er in der Tradition der großen Klassiker der Moderne wie James Joyce und Alfred Döblin, wenn er, wie Christoph Schröder in seiner Rezension in der »Zeit« vom 28. Juli 2018 schreibt, die erlebte Rede zur Perfektion bringt. Der Literaturwissenschaftler Hubert Winkels lobt Peltzers Text für »grandiose Kapitel gedanklicher Raserei und emotionaler Übersprungshandlungen«. Der Roman sprudelt nur so von Gedankengängen, -sprüngen, Erinnerungen, unterbrochen von Dialogen, die dem Roman einen szenischen Charakter geben. Peltzer führt uns in eine Wirklichkeit, die von der Macht des Marktes bestimmt wird. Seine Protagonisten verdienen ihr Geld in der globalen Wirtschaft. Einer von ihnen ist Jochen Brockmann, Mitte 50, ein Sales Manager, der für ein italienisches Unternehmen tätig ist. Brockmann ist zuständig für die Bilanzen – und diese stimmen nicht mehr. Neue Absatzmärkte in Asien erweisen sich als Flop – Brockmann, der eigentlich den »Sales ankurbeln« sollte, sitzt die Firma, sitzen neue Kollegen mit mehr Macht im Nacken. Wenn der nächste Deal nicht klappt, wird er aussortiert oder wie Brockmann dem Firmeninhaber gegenüber anmerkt: »Unsere Wegen trennen sich«.

Niederlagen gibt es für Brockmann nicht. Was zählt, ist das nächste Projekt: »Ich bin noch nicht am Ende«. Natürlich hätte er auch ein anderes Leben führen können, aber »er wollte Geschäfte machen, herumfliegen, … . Sich von niemandem reinreden lassen. Ein Gehalt im sechsstelligen Bereich … . Zu Haus‘ in Sheratons und Marriots, im Peninsula mit Blick übers Wasser auf die nächtliche Skyline von Hongkong Island, wie aus einem Raumschiff auf die Milchstraße, grandios. Das und nicht anderes hatte ihm immer vorgeschwebt, Teil einer Bruderschaft, die in klimatisierten Lounges auf den Aufruf ihrer Flüge wartet … .«

Peltzers Roman ist kein Welterklärungsroman, er belehrt nicht, klagt nicht an. In »Das bessere Leben« taucht die Leser*in ab in die Gedanken- und Gefühlswelten von Menschen, deren Lebensentwurf und Handeln auf das Agieren des Finanzkapitals ausgerichtet ist. »Es geht einfach darum,« so Peltzer im Deutschlandfunk im Juli 2015, »wie vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt Akteure, die unter Druck geraten, sich verhalten.« Was macht deren Vorstellungen von einem »besseren« Leben aus? Macht Geld glücklich? Brockmanns Weltbild kommt ins Schwanken, wenn er sich mit seiner Tochter trifft, seine alten Eltern besucht oder glaubt, sich verliebt zu haben. Doch es bleibt ein Schwanken, kein Umbruch, während der globale Markt und seine Akteure längst über seine Zukunft als Sales Manager entschieden haben. Brockmanns Motto bleibt: »The future …. to make it«.

V.l.: Konstantin Rickert, Maresa Lühle (Bild: Olaf Schettler)

»Wohlstand für alle zu schaffen«

»Victor« heißt der Protagonist in Alexander Schimmelbuschs Roman »Hochdeutschland« (©Klett-Cotta 2018) – ein sprechender Name. Ähnlich wie Jochen Brockmann bewegt er sich in der Welt des Finanzkapitals. Victor ist erfolgreicher Investmentbanker, 39 Jahre, der um das Funktionieren seiner Branche weiß. »… die Rolle des Investmentbankers in den ersten Berufsjahren war es nun einmal, und war es seit der Erfindung der Branche immer gewesen, sich mit den Grenzen seiner physischen Kapazitäten vertraut zu machen. Der Lebensrhythmus des jungen Investmentbankers war der sogenannte magische Kreislauf: Er fuhr bei Sonnenaufgang mit dem Taxi nach Hause, ließ es warten, während er duschte, um dann wieder in die Bank zu fahren.«

Meisterhaft erzählt der Alexander Schimmelbusch (selbst ehemals Investmentbanker) aus dem Leben eines Menschen, der zu den Reichsten der Bevölkerung gehört, die über mehr als ein Drittel des deutschen Gesamtvermögens verfügen. Präzise beschreibt er eine Gesellschaft, in der die Macht des Geldes und zugleich die Angst vor dem Verlust von (materiellen) Sicherheiten regieren. Victor hat es geschafft, er ist auf der obersten Führungsebene angekommen, ein Vertreter jener »neuen Klasse« von Topverdienern, die die »beherzte Deregulierung der deutschen Kapitalmärkte« hervorgebracht haben. Doch Alexander Schimmelbusch lässt seinen Protagonisten mit der am Markt orientierten Gesellschaft hadern. Einzig seine sechsjährige Tochter scheint ihm Lebenssinn zu geben. Ansonsten empfindet er nur Ekel für seine Umwelt, die versucht, vom großen Kuchen »Wohlstand« ein kleines Stückchen abzubekommen.

Victor zählt zu den Gewinnern des Finanzkapitalismus und geriert sich im Verlauf des Romans zu dessen schärfsten Kritikern. Alexander Schimmelbusch lässt ihn ein politisches Manifest schreiben, das vorführt, wie leicht politische Forderungen ideologisch vereinnahmt werden können: Die Forderung nach einer Obergrenze privater Vermögen (implizit Erhöhung des Spitzsteuersatzes), die Stärkung der Volkswirtschaft, Verteilungs- und Bildungsgerechtigkeit können durchaus auf einen Auszug aus einem Wahlprogramm der SPD hindeuten. Doch Alexander Schimmelbusch macht es für uns Leser*innen nicht leicht. Möchte man an manchen Stellen des Manifestes mit Blick auf die Forderung einer gerechteren Gesellschaft zustimmen, so klingen andere Stellen beklemmend populistisch bis deutschnational. »Deutschland-AG« nennt Victor seine Bewegung und Manifest und warnt davor, deutsche Vorzeigebetriebe weiter zu verhökern wie auf einem orientalischen Basar: »… dann wird das hier bald nicht mehr unser Land sein.«

Auch der Roman »Hochdeutschland« stellt letztlich die Frage, wie wir uns ein besseres Leben vorstellen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Wie können wir Wohlstand für alle ermöglichen? Was macht Glück für uns aus? Victor empfindet Glück, wenn er Zeit mit seiner Tochter verbringt. Aus seiner Welt wird er indes nicht ausbrechen. Er bleibt Teil der Geld-Elite. Aus dem Manifest und der Bewegung »Deutschland-AG« ist nach drei Jahren eine Partei geworden, die die Regierung stellt. Düster endet der Roman. Das beunruhigt in Zeiten, in denen unsere Welt komplexer wird, Menschen sich zum einen einfache Antworten ersehnen, zum anderen (bisweilen lustvoll) den Untergang prognostizieren.

»Die Gesellschaft ist nur drei Mahlzeiten von der Anarchie entfernt.«

Der Kollaps, der Zusammenbruch des globalen Marktes und damit der westlichen Zivilisation, ist implizit die Folie, auf der der Brite John Ironmonger seinen Roman »Der Wal und das Ende der Welt erzählt« (S. Fischer Verlag 2015) erzählt. Ein junger Mann wird nackt an den Strand eines kleinen Fischerdorfes an der Küste von Cornwall angespült. Dass dieser Joe heißt und zeitgleich mit ihm ein Wal an der Küste strandet, nimmt die biblische Geschichte des Propheten Jona, der vom Wal verschluckt und nach drei Tagen wieder ausgespuckt wurde, mit in diese wundersame Erzählung auf. Der Prophet Jona ist ein Gott-Zweifler, der in einer radikalen Umkehr wieder zu Gott zurückfindet. Auch Joe bricht radikal mit seinem Leben als hochdotierter Mathematiker und Analyst einer Londoner Bank. Ursprünglich hatte er für die »Lane Kaufmann Bank« ein Programm entwickelt, das Kursbewegungen hervorsagen konnte. Eine Möglichkeit für die Bank mit Leerverkäufen viel Geld zu verdienen. Algorithmen errechneten Abhängigkeiten: Lieferketten, Geldströme – alles hängt mit einander zusammen; wenn an einer Stelle etwas ausfällt, hat das Auswirkungen auf das gesamte System. Wer dies hervorsagen kann, fällt Entscheidungen und profitiert. Doch der Firmengründer will mehr. »Cassie« heißt das Programm und soll Entwicklungen in der Zukunft vorhersagen. Was passiert, wenn wir an die Grenzen des Wachstums gelangen? Wenn unsere natürlichen Ressourcen ausgeschöpft sind, bricht dann die Anarchie aus? Kämpft jeder gegen jeden? Oder schließen wir uns solidarisch zusammen und teilen das, was noch vorhanden ist? »Es fällt nicht leicht, sich den Kollaps eines Industriestaates vorzustellen, solange die internationalen Nachschubwege und Systeme noch funktionieren. Also denken wir global. Was wäre dazu nötig? … Finden Sie heraus, [Joe], welche unappetitliche Kombination von Umständen eintreten müsste, damit der ganze Turm von Babel zusammenbricht.«

In John Ironmongers Roman bricht das System zusammen und der Markt kollabiert. Ironmonger lässt seinen Protagonisten Joe aus der Bankenwelt Londons ans «Ende der Welt« fliehen, um diese Welt, um dieses 300 Seelen-Dorf St. Pirian an der Küste Cornwall, zu retten. In St. Pirian bricht nicht die Anarchie aus; ebenso wenig an anderen Orten der Welt. Vielmehr verhalten sich die Menschen solidarisch, helfen einander, teilen. In »Der Wal und das Ende der Welt« haben nicht die Gesetze des Marktes das letzte Wort. »In fast jedem Dorf gab es etwas Ähnliches, in jeder kleineren und größeren Stadt, von der wir wissen. Und es war nicht nur der Wal.«

Während Brockmann und Victor ihrer Welt verhaftet bleiben, verlässt Joe nicht nur London, sondern auch das beschauliche St. Pirian. Wohin es ihn führt, lässt der Roman offen. Ebenso, was mit dem Programm Cassie passiert sowie dem Vorhaben, menschliches Handeln für die Zukunft mittels Algorithmen vorauszusagen. Auch das beunruhigt. »Die Sache ist die: Wir müssen nicht wissen, was ein Mensch tun würde. Wir müssen wissen, was hundert Menschen tun würden. Oder tausend. Oder eine Million. … Vielleicht ist es nicht das Verhalten der anderen, vor dem wir uns fürchten. Vielleicht haben wir Angst, dass wir selbst diejenigen sein werden, die sich plötzlich verändern.»

 

V.l.: Konstantin Rickert, Maresa Lühle (Bild: Olaf Schettler)

»Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut« – so lautet der vierte Vers von Jakob van Hoddis Gedicht »Weltende« aus dem Jahr 1911. »Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,/ … Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen«. Der Sturm hat sich nicht gelegt. Ebenso wenig trägt der Bürger wieder Hut. Das Bild des Sturmes, der Flut, hat eine neue Erzählung erfahren. Es ist der Überfluss, der maßlose Konsum sowie die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen, die im beginnenden 21. Jahrhundert in den westlichen Industrienationen unsere Lebensentwürfe und unsere Visionen der Zukunft bestimmen. In »Der Wal und das Ende der Welt« obsiegt das Prinzip der Gemeinschaft gegenüber dem Egoismus und den Gesetzen des globalen Marktes. John Ironmongers Roman macht Hoffnung: »Die Dichtung ist manchmal näher an der Wahrheit als die Geschichtsschreibung.«

Am Sonntag, den 29. September 2019, um 17:00 Uhr lesen Maresa Lühle und Konstantin Rickert in der Buchhandlung v. Mackensen Auszüge aus den Romanen: »Das bessere Leben« (©S.Fischer Verlag 2015) von Ulrich Peltzer, »Hochdeutschland« (©Klett-Cotta Verlag 2018) von Alexander Schimmelbusch und »Der Wal und das Ende der Welt« (©S.Fischer Verlag 2019); Eintritt 6,00 Euro.

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