Von Sebastian Schulz

Dystopie ist das Stichwort, wenn man sich mit den noch recht aktuellen Werken von Ulrich Peltzer, Alexander Schimmelbusch und John Ironmonger auseinandersetzt. Dass die utopischen und ideellen Gesellschaftsbilder des 20. Jahrhunderts zu Beginn des 21. in eine entgegen gerichtete Richtung umschlagen, rückt in literarischer Form in das Licht der kollektiven Aufmerksamkeit. Jakob van Hoddis Worte von 1911 „Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut“ im viertenVers seines Gedichtes „Weltende“ bekommen über einhundert Jahre später eine erschreckend treffende, neue Bedeutung.

Es erscheint fast, als wäre der Mensch an einem neuen Schritt der Entwicklung angekommen. Der Schritt, seine Empathie über die Grenzen des persönlichen Umfeldes oder sogar der eigenen und nächsten Generation auszudehnen. Es wäre eine Utopie, den eigenen Wohlstand in den Hintergrund zu stellen, um dem Mensch ein Leben in der Zukunft zu ermöglichen, anstatt die gewohnte Lebensweise an einen drohenden Zustand anzupassen. Doch das passiert nicht!

Vielmehr gerät der Mensch in eine widersprüchliche, wenn nicht sogar paradoxe Gegenüberstellung von sich und der Gesellschaft. Georg Simmel – noch fern eines Bezuges zum Klima – ging bereits Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Grundkonflikt des modernen Lebens ein. Sein Aufsatz „Die Großstädte und das geistige Leben“ von 1903 sollte hervorheben, wie sehr das Individuum seinen Anspruch auf Eigenart gegenüber der Gesellschaft zu erhalten versucht. Einflüsse wie Geld- und Kapitalwirtschaft gepaart mit unendlichen Eindrücken lassen den Menschen in seiner Art eine Art Aversion gegen äußere Einflüsse kreieren. Doch im 21. Jahrhundert sind solche äußeren Einflüsse auch zunehmend eine Bedrohung für den Menschen an sich. Dass der Bezug zu Klimawandel und sozialen Belangen im individuellen Drang nach persönlichem Wohlstand, fasste Georg Simmel 1900 prägnant zusammen: „Geld wird Gott“.

In Ulrich Peltzer’s Roman „Das bessere Leben“ beschreibt der Autor zwar nicht anklagend, jedoch eingehend einen fünfzigjährigen Sales-Manager, dessen einziges Lot der eigenen Lebensgestaltung die Macht des Marktes ist. Alexander Schimmelbusch führt das Selbstverständnis der marktorientierten deutschen Gesellschaft ad absurdum, indem der Protagonist seines Buches „Hochdeutschland“ nach der Erkenntnis, welche Perversion Einzug in die Finanzwelt gehalten hat, politisch findig eine Obergrenze für Besitz einführt und schließlich als eine Art Oligarch Deutschland wie eine AG leitet. Nicht zuletzt stellt der englischsprachige Autor John Ironmonger in „Der Wal und das Ende der Welt“ die Analysen und Prognosen im internationalen Kapitalwesen und in seinen Ausformungen als derartig fragil dar, dass ein Kollaps jenes Systems fast schon gleichbedeutend mit einem menschlichen Weltuntergang zu sein scheint.

Die Befürchtungen von Soziologen und Dichtern, die schon vor einhundert Jahren lebten – wenn auch mögliche Dystopien weniger im Kontext einer Verbindung zwischen Klima und Kapital standen – nehmen zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue Formen an. Inzwischen besteht die Problematik nicht nur darin, dass der manchmal aus Drang zum Individualismus entstehende Egoismus gegenüber der Gesellschaft sowohl sozial als auch klimatechnisch keine Zukunft hat, sondern, dass unser existierendes Bild von Wohlstand immer auf Ausbeutung und Ungleichheit aufbauen wird.

[Bild: Maresa Lühle, Konstantin Rickert] Die Wuppertaler Schauspieler Maresa Lühle und Konstantin Rickert tauchen in diese zeitgenössischen Werke des 21. Jahrhunderts ein; und so auch in jene Lektüre über Glücksrittern, Überfluss und Geldverschwendern.

V.l.: Konstantin Rickert, Maresa Lühle (Bild: Olaf Schettler)

Am Sonntag, den 29. September 2019, um 17:00 Uhr lesen Maresa Lühle und Konstantin Rickert in der Buchhandlung v. Mackensen Auszüge aus den Romanen: »Das bessere Leben« (©S.Fischer Verlag 2015) von Ulrich Peltzer, »Hochdeutschland« (©Klett-Cotta Verlag 2018) von Alexander Schimmelbusch und »Der Wal und das Ende der Welt« (©S.Fischer Verlag 2019); Eintritt 6,00 Euro.

Eine Kooperation des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal Solingen Remscheid mit der Buchhandlung von Mackensen und der Gemeinschaft für Künstlerinnen und Kunstförderer e.V. (GEDOK) Gruppe Wuppertal.